Neujahrsansprache

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Zum Schmunzeln, Nachdenken und Loslegen...

...schönes Leben hier!

Das ist nicht nur der neue Werbeslogan einer bekannten Brauerei, sondern tatsächlich etwas, was mir sehr am Herzen liegt.
Seit Jahren klagen wir nun schon über mangelndes Wirtschaftswachstum, hohe Arbeitslosigkeit, wachsende Verschuldung, Reformstau, PISA Bildungsrückstand, Bedrohung durch Terror, Umweltskandale, politische Blockaden und gesellschaftlichen Stillstand in der gesamten Bundesrepublik im Allgemeinen und über zusätzliche viele lokale Probleme in Augsburg natürlich im Besonderen.
Alles richtig und selbstverständlich dürfen wir die Augen für diese Probleme nicht verschließen, sondern müssen Sie endlich lösen. Vorschläge hierfür gibt es zu Hauff. Ich möchte Sie zu diesem Jahreswechsel nicht wiederholen, allenfalls streifen, denn die meisten dieser Patentrezepte werden schon bei Sabine Christiansen Sonntag für Sonntag vorgestellt.
An der Schwelle zu einem Neuen Jahr ist es vielleicht einmal Zeit, eine andere Seite zu beleuchten, nämlich ....das schöne Leben hier.


Ein Möglichkeit dazu wäre die Rückschau.

Dabei müssen wir gar nicht zum Urknall zurück. Obwohl - auch das könnte helfen.
Die Vorstellung, dass vor etwa 20 Milliarden Jahren ein Universum mit ca. 100 Milliarden von Galaxien entstanden ist, dass unser Milchstraßensystem mit seinem Durchmesser von lächerlichen 100.000 Lichtjahren nur ein mittleres Exemplar davon repräsentiert, unsere Sonne darin wiederum nur eine von Milliarden Sonnen ist und wir auf unserer – vor diesem Hintergrund schon gar nicht mehr wahrnehmbaren Erdkugel – wir also alle hier im Moment auf dieser unserer Erdkugel mit einer Geschwindigkeit von knapp 800.000 km pro Stunde um ein schwarzes Loch rotieren – diese Vorstellung sollte uns eigentlich frei machen, frei von so manchen Problemen und frei für den Blick auf das schöne Leben hier.
Ich empfehle also im neuen Jahr erstmal regelmäßige Blicke zum Himmel.
Sie werden sagen, was hilft mir denn das, wenn ich arbeitslos bin und die Geschäfte schlecht gehen.
Natürlich hilft das gar nichts, oder besser gesagt, es hilft Ihnen nur wenn Sie romantisch veranlagt ist.
Es könnte aber vielleicht helfen, sich für einen Moment bewusst zu machen, dass es uns Deutschen – und zwar uns allen - historisch gesehen - noch nie so gut ging wie heute.
Dazu genügt es den Durchschnittsdeutschen des 19. Jahrhunderts zum Vergleich heranzuziehen. Wer ihm gesagt hätte, dass wir alle einmal in einer zentralbeheizten Wohnung leben, mit einem kleinen Schalter, der auf Knopfdruck Licht macht, mit einem Gerät, aus dem in Konzertqualität jederzeit Musik kommt, mit einem stillen Örtchen auf dem per Knopfdruck alles verschwindet, mit einem Kasten, in dem immer ein gut gekühltes Bierchen steht, – hätte man ihm gesagt, dass er nur noch ca. 40 Stunden pro Woche arbeiten muss und im Urlaub mehr verdient als bei der Arbeit, dass er sich mit einem so genannten Auto auf festen Strassen hin bewegen kann, wohin er will, dass er gegen Krankheit und Altersarmut versichert ist, im Schnitt 74 Jahre leben wird und, und, und – der Deutsche des 19. Jahrhunderts hätte dieses schöne Leben nicht geglaubt.
Um das schöne Leben hier zu begreifen, muss man aber nicht unbedingt zurückschauen, eine andere Möglichkeit ist die Umschau

Schauen wir uns also ein wenig um.

Schauen wir uns in der Welt um und überlegen wir nur für einen Moment, wir wären als Mädchen in Bangladesch oder als Kindersoldat im Kongo auf die Welt gekommen. Oder wir lebten an den Tsunamiküsten Indonesiens oder im Erdbebengebiet Pakistans.
All das tun wir nicht – wir haben ein ... ...schönes Leben hier!
Vielleicht werden Sie jetzt denken, ich soll mich zum Jahreswechsel nicht im Universum und in fernsten Weltgegenden umschauen, sondern mal bei uns.
Genau das möchte ich jetzt kurz tun.
Ich spreche ja über ...schönes Leben hier!

Uns Augsburgern fällt so etwas besonders schwer. Der Datschiburger Meckerer ist sprichwörtlich. Uns Hiesigen ist eine seltsame Mischung aus Minderwertigkeitskomplex aber auch Stolz auf unsere Stadt zu eigen – letzteres zeigt der Augsburger leider nur sehr verhalten. Ein Marktforscher, den ich letztes Jahr beauftragt habe, verglich unsere Befindlichkeit mit derjenigen in den ehemaligen Zonenrandgebieten und fasste sie mit den Worten zusammen: Latente Scham!
Dazu gibt es aber überhaupt keinen Grund.
Lage
Zunächst einmal leben wir im Herzen Europas – und das ist an sich schon sehr schön. Im Umkreis von 400 km um Augsburg herum treffen wir auf 70 Millionen Europäer. Alles potentielle Besucher unserer Stadt und Konsumenten unserer Wirtschaft.
Wir sind groß geworden als Verkehrsknotenpunkt der alten Römer, und natürlich könnte es noch schöner sein, wenn wir das nicht vergessen hätten. Dann hätten wir jetzt eine Nordsüd Autobahn, einen Flughafen und eine direkte ICE Anbindung an Berlin.
Nun gibt es zwei Möglichkeiten:
Wir können noch jahrelang bejammern, dass es so ist oder mit Schwung daran gehen, die B17 kreuzungsfrei zu machen, einen regionalen, S-Bahn ähnlichen Nahverkehr aufzubauen, den vierspurigen Gleis- und den sechsspurigen Autobahnausbau voranzutreiben und dabei die Radlwege nicht vergessen – und immer Hinterkopf behalten, dass es schön ist, im Herzen Europas zu leben.

Geschichte
Wir leben aber nicht nur im Herzen Europas, wir leben in einer Stadt und Region mit überreicher Geschichte und großer Kultur. Ein Bummel durch Altstadt oder Maximilianstraße lässt die Zeit der Renaissance auferstehen, in der wir Kaiser finanziert und Kolonien besessen haben.
Und jetzt gibt es wieder zwei Möglichkeiten:
Wir können bejammern, dass wir nicht mehr auf Augenhöhe mit Paris und London uns bewegen und München uns auf vielen Gebieten überholt hat oder - wir können uns daran machen, ein neues Schauspielhaus zu bauen, Karten für die Kabarett Tage der Kresslesmühle besorgen, dem Museum der Augsburger Puppenkiste einen Besuch abstatten, kostenlose Konzerte der Dom¬singknaben erleben, den Kräutergarten am Roten Tor bewundern, ein Abo im Gögginger Kurhaus buchen, Freunde durch unser herrliches Schätzlermuseen führen oder, oder, oder die vielen Schönheiten der Umgebung entdecken und feststellen: ...schönes Leben hier?

Wirtschaft
Wir verfügen aber nicht nur über eine reiche Geschichte, sondern auch über eine innovative Wirtschaft mit Zukunft:
500.000 Einwohner, 200.000 Arbeitsplätze und 40.000 Unternehmen schaffen ein BIP von 19 Milliarden Euro und damit eine Wirtschaftsleistung, die fast so groß ist wie diejenige des Saarlandes und größer als die mancher EU Staaten – zugegeben, ich rede von Malta, Lettland, Estland, Litauen und Zypern – aber immerhin.
Die Innovationskraft der Augsburger Wirtschaft auf den Gebieten der Luft- und Raum¬fahrttechnik, des Verlagswesens, der Mechatronik, des Maschinenbaus und der Umwelttechnik kann sich sehen lassen. Unternehmen, die diese Kompetenzfelder abdecken, sind zum Teil schon seit über 100 Jahren in Augsburg zu Hause.
Beispiele dafür gibt es genug: ob es der weltweit zweitgrößte Druckmaschinenhersteller MAN Roland ist, Fujitsu Siemens als Europas modernstes Computerwerk oder beispielsweise Weltbild als Marktführer im Buchversand.
Auch oder vielleicht gerade auf dem Feld der Wirtschaft könnten wir nun die Globalisierung beklagen, die täglichen Entlassungshorrormeldungen einer oft bestens verdienenden Großindustrie, wir könnten darüber jammern, dass wir zu wenig Dienstleistungsarbeitsplätze in Augsburg haben und zu viel Auspendler nach München und kaum noch Konzernzentralen vor Ort.
Wir könnten uns aber auch daran machen, die vielen mittelständischen, eigentümergeführten, standorttreuen Augsburger Betriebe zu unterstützen. Betriebe, die nicht Gewinn¬maximierung um jeden Preis betreiben, sondern sich in der globalen Welt Ihrer Heimat verbunden fühlen und Identität schaffen. Wir könnten Ihnen zum Beispiel helfen, Innovationen umzusetzen, in dem wir auch auf lokaler Ebene Bürokratie abbauen. Oder wir könnten, statt fehlende Dienstleistungsarbeitsplätze zu beklagen, uns über die 40.000 produzierenden Facharbeiter unserer Maschinenbauindustrie freuen. Freuen sollten wir uns auf jeden Fall darüber, dass die Stadt Augsburg die Gewerbesteuer senkt und so das wirtschaftliche Leben hier auch für uns Mittelständler sich verbessert.

Wissenschaft und Bildung
Unsere Region hat aber nicht nur eine innovative, mittelständisch geprägte Wirtschaft mit Zukunft, sondern ist auch ein herausragender Standort für Wissenschaft und Bildung. Augsburg erreicht deutschlandweit mit die höchsten Ausbildungsquoten und im Weiterbildungssektor zählt die Stadt zu den Besten Wir sind Universitätsstadt mit 7 Fakultäten, 150 Professoren und 15.000 Studenten. Wir haben zwei renommierte Fachhochschulen, eine Vielfalt an Einrichtungen der allgemeinen, beruflichen und erwachsenen Bildung, eine Staats- und Stadtbibliothek und ein Stadtarchiv, das europaweit seinesgleichen sucht.
Natürlich es fehlt das Geld hinten und vorne und die Uni Augsburg hat die knappste finanzielle Ausstattung aller Bayrischen Hochschulen: nur 3% aller staatlichen Mittel bei 9% aller Studierenden. Unser Klinikum hat Universitätsniveau, wird aber nicht so behandelt.
Trotzdem: statt zu jammern, sollten wir die Erfolge unserer Lehrstühle, z. B. der Physik in der Materialwirtschaft herausstreichen oder dem Beispiel von Prof. Buhl nacheifern, der mit seinen Forschungen soviel Gelder aus der Privatwirtschaft generiert, dass er öffent¬liche Unterstützung gar nicht mehr braucht. Und wir sollten uns beispielsweise darüber freuen, dass der Bezirk der IHK Schwaben mit seiner Ausbildungsquote 15% über dem Durchschnitt Deutschlands liegt.
Kurz, wir sollten mehr darüber reden, dass man sich ganz schön bilden und weiterbilden kann im Raum Augsburg.

Gesellschaft und Soziales
Wir sind aber nicht nur ein Zentrum für Wissenschaft und Bildung, sondern eine bunte Gesellschaft mit über 45.000 Ausländern aus 140 Nationen. Wir sind eine Stadt, mit einem reichen Bürgerengagement, das sich in zahllosen auch zeitgenössischen Stiftungen zeigt. Wir sind eine Stadt, die so beliebt ist, dass jährlich 15.000 neue Einwohner zuziehen. Wir sind eine sichere Stadt mit einer Polizei, die für eine geringe Kriminalitätsrate sorgt und - wir haben sogar einen eigenen Feiertag.
Jetzt könnten wir natürlich darüber jammern, dass die Ausländerintegration schwer und teuer ist, dass fast 15.000 Einwohner aus Augsburg auch wegziehen und dass der 8. August wirtschaftlich gesehen zu teuer ist.
Sind wir stattdessen doch einfach stolz darauf sein, wie gut das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen bei uns funktioniert und wie wir mit einem einzigartigen Feiertag diesem Thema Bedeutung verleihen. Statt zu klagen, könnten wir der Stiftung „Mein Augsburg“ ein paar gut angelegte Euros zustiften, wir könnten unsere Mäzene hochleben lassen und 13 hervorragend funktionierende Verbände der freien Wohlfahrtspflege unterstützen und - wir könnten uns darüber unterhalten, wie gut der Döner am Ulrichsplatz nachts um halb zwei schmeckt und dabei feststellen wie schön andere Kulturen das Leben hier bereichern.

Freizeit und Sport und Essen
Nicht zuletzt – wir sind nicht nur eine bunte Gesellschaft, sondern verfügen auch über ein buntes Freizeit und Sportangebot.
Also anstatt zu jammern, gehen Sie im neuen Jahr radeln im 7 Tischwald, baden im Eiskanal oder an unseren Baggerseen, begrüßen Sie den Frühling im Botanischen Garten und beobachten Sie die Affen, natürlich im Augsburger Zoo, bummeln Sie im Residenzgarten, lassen Sie Ihre Jugend an der Kahnfahrt neu aufleben, führen Sie Ihre Freundin ins Freiluftkino, setzen Sie sich in die Cafes an der Maximilianstr. und treffen Sie Freunde dort, denn –das ist ein besonders schöner Aspekt unserer Stadt - Augsburg ist urban und überschaubar. Sie treffen also immer jemanden.
Und tun sie was für Ihre Fitness – feiern Sie sie die Siege des FCA und des AEVs , ohne gleich daran zu denken, was ein neues Eishockeystadion uns alle kostet.

Fehlt uns was? Es fehlt uns an nichts!

Legen Sie also die Füße hoch und genießen Sie ein gutes Bier. Natürlich ein schönes von hier. Ein Bier das übrigens neben acht Goldmedaillen gerade den silbernen Oscar der internationalen Bierbranche gewonnen hat.

Und dann denken Sie daran: ...schönes Leben hier!

Sie strafen damit all die der Lüge, die das böse Wort geprägt haben: „Augsburg an der Jammer!“

Wenn Sie dann mit dem Bier und den schönen Gedanken fertig sind, beherzigen Sie bitte den Ratschlag unserer Bundeskanzlerin und finden heraus, was in Ihnen steckt. Wie hat Sie so schön formuliert: wir müssen einfach nur alle ein wenig mehr als bisher vollbringen.
Ich würde es mit dem Spruch so ausdrücken: Hilf’ Dir selbst, dann hilft Dir Gott.
Darauf zu warten, dass die in München es uns schön machen hat jedenfalls keinen Sinn.

Packen wir's an und vielleicht geben 10 Gebote einen Denkanstoss:

1. Gebot
Du sollst den guten Ruf Deiner Stadt Augsburg in alle Welt tragen, auf dass,
das ...schönes Leben hier! überall bekannt wird.
2. Gebot
Du sollst nicht jammern und den Namen Deiner Vaterstadt Augsburg nie öffentlich in Verruf bringen, auf dass Sie auch in München Glanz erhalte und deshalb von dort mit reichlich Geld bedacht werde.
3. Gebot
Du sollst das Augsburger Friedensfest als einzigartiges Ereignis pflegen, auf dass unterschiedliche Religionen, Generation und Ethnien in Deiner Stadt immer friedvoll miteinander leben.
4. Gebot
Du sollst Deine Vorfahren ehren, Dich an der großartigen Historie Augsburgs erfreuen und zusammen mit dem Umland Visionen für die Zukunft des Augsburger Großraumes entwickeln.
5. Gebot
Du sollst gute Ideen nicht deshalb töten, weil Sie vom Gegner kommen und Dir selbst nicht eingefallen sind.
6. Gebot
Du sollst die Versprechen, wie Du das Leben hier schöner machen kannst, nicht nach Wahlen oder aus opportunistischen Gründen brechen.
7. Gebot
Du sollst gute Einfälle nicht stehlen, sondern die vielen kreativen Köpfe Augsburgs nach Kräften fördern und mit dazu beitragen, dass deren Vorstellungen Wirklichkeit werden.
8. Gebot
Du sollst keine Unwahrheiten verbreiten und bei den Fakten bleiben, auf dass sachliche Diskussionen zu den besten Lösungen für Deine Stadt führen.
9. Gebot
Du sollst zwar das Hab und Gut Deiner Nachbargemeinden nicht begehren, aber doch dafür sorgen, dass Sie das schöne Leben mit Stadttheater, Zoo und Klinikum mit finanzieren.

und

10. Gebot
Du sollst nicht neidisch nach München schielen, sondern die Vorteile eines Greater Munich für Deine Heimatstadt nutzen!

Beachten wir also im neuen Jahr diese 10 Gebote, die auch uns Augsburgern helfen werden, die Kraft des positiven Denkens für uns zu nutzen.
Sind wir zur Abwechslung mal optimistisch und packen an.

Ich wünsche Ihnen deshalb, das Ihre Wünsche und Ihre Ideen im neuen Jahr Realität werden, ich wünsche Ihnen Glück, Gesundheit, eine gute Stimmung und - als Brauer natürlich immer eine Handbreit Bier im Glas.

Vergessen Sie nicht, der Pessimist sagt „Das Glas ist halb leer“, der Optimist dagegen nimmt’s und ruft freudig: „Aber nicht mehr lange!“.

Ich wünsche Ihnen ...ein besonders schönes Leben hier!

Prosit Neujahr!

Ihr
Dr. Sebastian Priller

 

 

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